Mittwoch, 14. Januar 2009

Umgangsformen

Mit der Öffnung Russlands nach Westen und der Reisefreiheit sind Berührungspunkte mit Fremden größer geworden und das Interesse an ausländischer Lebensweise gestiegen. Aufgrund starker westeuropäischer Einflüsse über Jahrhunderte finden sich zudem viele kulturelle Gemeinsamkeiten. Im Umgang miteinander gelten europäische Höflichkeitsregeln der Anrede und Begrüßung mit der Ausnahme, dass Frauen üblicherweise nicht die Hand gereicht wird. Auf gute Umgangsformen wird ebenso Wert gelegt wie auf eine gepflegte äußere Erscheinung. Inwiefern unterscheidet sich „typisch“ russisches Verhalten von „typisch“ deutschem? Die Beantwortung dieser Frage birgt das Risiko, in Verallgemeinerungen zu verfallen und Stereotype auf Menschen anzuwenden, die – wie in jeder Kultur – ausgeprägte Individuen sind. Dennoch soll im folgenden kurz von einigen kulturellen Besonderheiten die Rede sein, die im Vergleich zu Deutschland auffallen: Als Westeuropäer schwankt man zwischen Bewunderung und Unverständnis für die Schicksalsergebenheit der Russen. Selbst während der letzten drastischen Wirtschaftskrise 1998 gingen die Leute nicht zum Demonstrieren auf die Straße, aber um durch stundenlanges Schlange stehen vor Banken ihre Ersparnisse zu retten. Mit gewissem Stolz wurde beteuert, auch diese Krise zu überleben wie schon so viele Krisen in der jüngsten Vergangenheit. Die Schuld für schlechte Lebensumstände sucht man beim anonymen Dritten, z. B. dem Staat oder ausländischen Regierungen.

So groß das Mißtrauen gegenüber bestehenden Systemen ist (z. B. Behörden, Bürokratien) so groß ist das Vertrauen auf ein Geflecht persönlicher Beziehungen. Dies gründet in der Tatsache, daß ein Überleben nur möglich ist, wenn die Gemeinschaft funktioniert. Wichtig ist, jemanden zu kennen, der Verbindungen hat, sei es um eine Wohnung, ein Telefon oder einen Reisepaß zu bekommen. Die Bereitwilligkeit, um einen Gefallen zu bitten oder einen zu gewähren, liegt wesentlich höher. Auch im Geschäftsleben lebt der Erfolg weniger vom Umgang auf sachlicher Ebene als vom guten persönlichen Kontakt. Ausgeprägt ist das Gemeinschaftsgefühl in Familie und am Arbeitsplatz. Ein gutes Arbeitsklima unter Kollegen genießt einen höheren Stellenwert als z. B. die Ausstattung des Arbeitsplatzes. Fester Zusammenhalt in der Familie ermöglicht die hohe Berufstätigkeitsquote bei Frauen, während sich ein Heer von Großmüttern sich der Kindererziehung widmet.

Ausgeprägter als in Westeuropa ist die Akzeptanz von Macht und Autoritätsglaube vielfach verbunden mit dem Wunsch nach einer starken Führung, die das Individuum von der Pflicht befreit, Verantwortung oder Eigeninitiative übernehmen zu müssen. Eine Amtsperson wird respektiert, ganz gleich wie rüde und schikanös sie im Umgangston sein mag. Für den Ausländer ist die selbständige Erledigung von Amtsgeschäften im Bürokratiendschungel ungeklärter Zuständigkeiten, nicht vorhandener Formulare und ständiger Gesetzesänderungen ohne russische Hilfe fast unmöglich. Ein russisches Charakteristikum ist ferner der Mangel an Entscheidungsfreiheit, bzw. die Unwilligkeit zu delegieren. Selbst relativ unwichtige Entscheidungen trifft grundsätzlich nur der Chef ("Natschalnik"). Das bedeutet, dass jeder Russe, der eine Entscheidung benötigt, versucht, mit allen Mitteln an den "Natschalnik", oder denjenigen, den er dafür hält, heranzukommen und sich nicht damit aufhält, dessen Mitarbeitern sein Problem zu erläutern, auch wenn diese es sehr wohl lösen könnten. Umgekehrt bedeutet dies, dass sich der russische "Natschalnik" mit allen Mitteln abschirmen lässt und seine Mitarbeiter rigide daraufhin verpflichtet.

Ein typisch russischer Charakterzug mag die hohe Emotionalität sein, die das nüchterne westeuropäische Gegenüber leicht als Dramatisierung erlebt. Probleme und Begebenheiten im positiven wie im negativen werden gefühlsbetont geschildert. Ebenso groß wie die Bereitschaft zur Schwarzmalerei ist der unverrückbare Glaube, dass sich in Zukunft alles zum Besseren wendet. Sprichwörtlich ist die russische Unentschlossenheit. Pläne werden schnell gemacht und verworfen und mit Selbstironie hingenommen, wenn ein Vorhaben fehlgeschlagen ist.

Problematisch erleben besonders Deutsche russisches Zeitverständnis. Sofort, gleich und bald sind dehnbare Begriffe, die eine Zeitspanne von Minuten bis Monaten umfassen können, und Pünktlichkeit ist nicht unbedingt eine russische Tugend. Dafür ist die Bereitschaft größer, sich Zeit zu nehmen. Der ungeduldige Blick auf die Uhr ist verpönt.

Unbestreitbar ist ein Hang zu Mystizismus und Aberglaube, der bei vielen Russen unabhängig von Bildung und gesellschaftlicher Stellung tief verwurzelt ist. Die gängigen Vorboten von Glück und Unglück werden russische Bekannte und Kollegen dem interessierten Ausländer gerne vermitteln.

Wer für die Besonderheiten russischer Lebensweise offen ist und Umgang mit den Menschen sucht, wird einen interessanten, erfahrungsreichen Aufenthalt erleben. Ein Abend in russischer Gesellschaft mit berstenden Tischen, immer gefüllten Gläsern, Trinksprüchen und Musik gehört zu den nachhaltigen Erlebnissen der sprichwörtlichen Gastfreundschaft und Warmherzigkeit.

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